• ➠Täter:innenstrategien bewusst machen

    Abschnittsübersicht

    • Hervorgehoben

      Im Rahmen der Risikoanalyse ist e s hilfreich, sich mit den Strategien von potenziellen  Täter:innen zu befassen. Welche Möglichkeiten hätten potentielle Täter:innen in Ihrer Kita im Hinblick auf die Kontaktaufnahme und Interaktion mit Kindern?

      In diesem Kapitel werden diese Strategien betrachtet.


      •  Worum geht´s?

        Es ist hilfreich, sich im Team vor Augen zu führen, welche Strategien von potenziellen Täter:innen sowohl im Hinblick auf die Kontaktaufnahme und die Interaktion mit Kindern, als auch innerhalb der Einrichtung häufig beobachtet werden können.

        Täter:innen gehen erfahrungsgemäß sehr strategisch vor. Das Wissen über ihre Vorgehensweisen und Strategien trägt zur Reflexion und damit auch zur Minimierung von Risiken bei.

        Gegenüber Kindern wenden Täter:innen häufig folgende Strategien an
        • „Sie suchen gezielt die Nähe zu Kindern und Jugendlichen, auch in entsprechenden Arbeitsfeldern, und engagieren sich meist überdurchschnittlich.
        • Sie suchen auch gezielt emotional bedürftige Kinder und Jugendliche aus und bauen ein Vertrauensverhältnis zu diesen möglichen Opfern auf
        • Im Rahmen des sogenannten Groomings (Anbahnungsphase) versuchen sie durch besondere Zuwendung, Aktionen oder Unternehmungen, eine spezielle Beziehung zum möglichen Opfer aufzubauen und seine Arglosigkeit zu erhöhen.
        • Sie „testen“ meist nach und nach die Widerstände der Kinder/Jugendlichen, ehe sie gezielt Gelegenheiten für schwerere Übergriffe schaffen.
        • Oft lenken sie das Gespräch wie zufällig auf sexuelle Themen, verunsichern Kinder und Jugendliche und berühren sie z.B. wie zufällig
        • Durch Verunsicherungen („Das ist alles ganz normal.“), Schuldgefühle („Das ist doch alles deine Schuld!“) und Drohungen (Entzug von Zuneigung und Privilegien, Isolation, öffentliche Bloßstellung, Zerstörung der Familie, körperliche Gewalt etc.) machen Täter/-innen ihre Opfer gefügig und sichern sich deren Verschwiegenheit. Dabei nutzen sie gezielt deren Loyalität („Du hast mich doch lieb.“, „Wenn du etwas erzählst, komme ich ins Gefängnis.“) und Abhängigkeiten aus.“

        Quelle: Bistum Aachen, Koordinationsstelle zur Prävention von sexualisierter Gewalt (2019): Augen auf – hinsehen & schützen. S. 12  Zugriff 08.09.2022

        „Innerhalb von Institutionen wenden Täter*innen häufig folgende Strategien an:
        • Sie suchen sich über- oder unterstrukturierte Einrichtungen mit rigidem oder gar keinem sexualpädagogischem Konzept und mangelndem Wissen über Hilfsmöglichkeiten
        • Sie stellen sich gut mit der Leitung oder übernehmen selbst eine Leitungsposition
        • Sie heucheln Schwäche, erwecken Mitleid, um »Beißhemmungen« zu erzeugen und sich unentbehrlich machen, z.B. durch Übernahme unattraktiver Dienste
        • Sie decken Fehler von Kolleg*innen und erzeugen Abhängigkeiten („hat was gut“)
        • Sie dehnen ihr Engagement bis in den privaten Bereich aus
        • Sie flirten und haben Affären mit Kolleg*innen; sie treten als guter Kumpel im Team auf
        • Sie hegen Freundschaften mit Eltern
        • Sie nutzen ihr berufliches Wissen über die zu betreuenden Kinder aus
        • Sie versuchen Kinder unglaubwürdig zu machen und sie als schwierig darzustellen – Kolleg*innen sollen der eigenen Wahrnehmung nicht trauen und dem Kind nicht glauben
        • Sie finden „fachliche“ Erklärungen für Übergriffe und die kindliche Verweigerung des Kontaktes
        • Sie gehen auch in Seilschaften von mehreren Tätern*innen vor
        • Sie „pushen“ die Spaltung im Team und zwischen Team und Elternschaft“

        Quelle: Evangelischer Kita-Verband Bayern (2022) "Kita als sicherer Ort - Bereichsbezogenes Schutzkonzept für evangelische Kitas", S. 17. Zugriff 08.09.2022

         Wie geht´s?

        Methode "Täterperspektive einnehmen"

        Mit der Methode „Täterperspektive einnehmen “ versetzen sich die Teammitglieder in die Rolle eines/r potenziellen Täters/Täterin hinein und identifizieren mit dessen/deren Augen, Risiken und Schwachstellen in der eigenen Einrichtung, die für Gewalt ausgenutzt werden könnten.

        Die Teammitglieder erhalten dafür z.B. einen Fragebogen, den sie in Einzelarbeit bearbeiten. Die Auswertung erfolgt anschließend gemeinsam im Gespräch.

        Die Methode ist für die Ermittlung von Gefährdungslagen sehr wirksam. Allerdings kann das Hineinversetzen in die Rolle eines Täters bzw. einer Täterin auch inneren Widerstand auslösen, weshalb die Durchführung der Methode nur freiwillig erfolgen sollte.

        Eine genauere Beschreibung der Methode, sowie einen „Fragebogen Täterperspektive“ finden Sie in der Arbeitshilfe für ein institutionelles Schutzkonzept des Erzbistums Berlin (2022) S. 23 ff.

         

        Methode: „Süßigkeitenübung“

        Eine weitere Möglichkeit, um zu reflektieren, wo im Alltagsgeschehen täterähnliche Strategien zum Einsatz kommen, ist die sog. „Süßigkeitenübung“.

        Hierbei gehen die Mitarbeiter:innen paarweise zusammen und versuchen die/den andere/n dazu zu bringen, eine Süßigkeit zu essen, obwohl er/sie es nicht will.

        Die dabei angewendeten Strategien werden im Plenum zusammengetragen und auf einem Flipchart verschriftlicht. Alle „Strategien“, die hier zum Einsatz kommen, sind in der Regel Täter:innenstrategien (Überreden, Schmeicheln, Bestechen, Erpressen usw.). Anschließend wird im Team reflektiert, wo im Alltagsgeschehen ähnliche „Strategien“ zum Einsatz kommen, um Kinder zu etwas zu bewegen, was sie nicht wollen.

        Diese Übung ist auch beschrieben in der Arbeitshilfe des Evangelischen Kita-Verbandes Bayern (2022) "Kita als sicherer Ort - Bereichsbezogenes Schutzkonzept für evangelische Kitas". S. 52.  Zugriff 08.09.2022